Digitalisierung im Handwerk: Zufriedenheit kann trügerisch sein

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Wie sieht es tatsächlich aus mit der Digitalisierung im Handwerk? Dieser Frage geht der Digitalisierungsbarometer, ein deutschlandweites, repräsentatives Forschungsprojekt, nach. In einer bislang einzigartigen 360-Grad-Betrachtung wurde nicht nur die Sicht der Handwerksbetriebe, sondern auch die Perspektive der Industrie, der Verbände, der Endkunden und der Jugend mit einbezogen.

Insgesamt gibt es viel Nachholbedarf, wobei dieser nicht überall gleich ist. Betrachtet man den Gesamtdigitalisierungsindex mit 100 Punkten liegen die Gewerke des Baus und Ausbaus über alle Betriebsgrößen hinweg bei nur 37 Punkten. Allerdings ist die Spannbreite sehr hoch. So gibt es Betriebe mit einem Digitalisierungsgrad von 88 Punkten, aber auch wenig digitalisierte mit nur 11 Punkten.

Um den Digitalisierungsgrad zu messen wurden 42 Indikatoren identifiziert und vier Digitalisierungsdimensionen zugeordenet. Zentrale Aspekte bei der Auswahl der Indikatoren waren eine hohe Relevanz, leichte Verständlichkeit, Aktualität und eine einfache Nachvollziehbarkeit.

„In Anlehnung an die Wertschöpfungskette eines klassischen Handwerksbetriebes haben wir die Dimensionen Betriebsführung und -entwicklung, Marktkommunikation, Geschäfts- und Verwaltungsprozesse sowie betriebliche Leistungserbringung festgelegt. Danach haben wir geprüft, welche Indikatoren im betrieblichen Alltag genutzt werden, addiert und auf der Basis der Relevanzeinschätzung durch die Experten gewichtet“, so Wolfgang Plöger.

Digitalisierung in verträglichen Schritten

Am weitesten sind die Betriebe bei den Geschäfts- und Verwaltungsprozessen mit 43 Punkten. Erste Digitalisierungsmaßnahmen werden in der Regel im Büro unternommen. Erst danach folgen weitere Schritte, wobei hier schon sichtbar wird, dass Betriebe in der Regel weniger strukturiert vorgehen.

Der Digitalisierungsbarometer möchte gerade kleine Handwerksbetriebe dabei unterstützen, notwendige Digitalisierungsschritte auf ein verträgliches Maß zu reduzieren und eine für den jeweiligen Betrieb sinnvolle Umsetzungsreihenfolge zu definieren. Wie die Studie zeigt, bewerten Betriebe, die eine deutliche Veränderung ihres beruflichen Alltags durch die Digitalisierung erleben, dies überwiegend positiv.

Betriebe mit guten Bewertungen werden bevorzugt

Während Webseite, Darstellung der Leistungen und aussagekräftige Bilder auch bei Handwerksbetrieben schon weit verbreitet sind, liegen die Möglichkeiten im Bezug auf echten Kundendialog noch zurück. So werden Terminbuchung-Tools oder Online-Konfiguratoren wenig eingesetzt. Auch die Themen Auffindbarkeit im Netz und Bewertungen finden noch wenig Beachtung und das obwohl letztere für Endkunden eine große Rolle spielen. So würden 89 Prozent der Endkunden einen Betrieb bevorzugen, der im Internet gute Bewertungen hat. Und selbst mündliche Empfehlungen von Freunden und Bekannten werden laut Studie zu 80% hinterher im Internet abgesichert.

Chancen der Digitalisierung wahrnehmen

„Das Thema Digitalisierung ist im Handwerk angekommen, aber gerade in kleinen Betrieben herrscht viel Verunsicherung darüber, wie sich die Digitalisierung umsetzen lässt“, erklärt Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz und Autor der Studie. Die Ergebnisse zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Betrieb digital geführt wird, um so höher je größer dieser ist. Gleiches gilt auch für jüngere und gebildetere Betriebsinhaber. Das managen zahlreicher Mitarbeiter bewirkt in der Regel einen Digitalisierungsschub, insbesondere dann, wenn die Betriebsinhaber in einer Lebensphase von Mitte 30 bis 40 Jahren sind. Sie treiben ihre Betriebe expansiv voran und betrachten die erreichten Resultate differenzierter. Kleinere Betriebe sind dagegen meist mit ersten Digitalisierungsergebnissen schon sehr zufrieden. Allerdings gibt es auch hier eine große Spreizung: manche Betriebe liegen bei 44, manche bei nur 11 Punkten. Das Ergebnis zeigt, dass viel mehr möglich ist und dass das Maß der Zufriedenheit trügerisch ist, denn wer sehr mit sich zufrieden ist, sieht die Chancen nicht!

Zur Studie

Der Digitalisierungsbarometer ist ein deutschlandweit angelegtes repräsentatives Forschungsprojekt zur Ermittlung des Digitalisierungsgrades ausgewählter Gewerke des Bau und Ausbaus und deren Vergleichbarkeit. Befragt wurden 1800 Inhaber von Handwerksbetrieben telefonisch, 1000 Endkunden, 900 Jugendliche und knapp 50 Experten online. Hinzu kamen 24 offene Interviews mit Inhabern von Handwerksbetrieben sowie drei Gruppendiskussionen mit Endkunden. Initiator der Studie ist die Empfehlungs- und  Bewertungsplattform wirsindhandwerk.de in Zusammenarbeit mit Lab4Innovations und mit Unterstützung des Baden-Württembergischen Handwerkstag (BWHT), des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg sowie der Deutschen Bank und Signal Iduna.